Viele glauben – sogar Leute mit viel Tanzerfahrung – dass Choreografie einfach ein Rezept ist, das man nur abliest: Schritt links, Drehung, Arm hoch, fertig. Und dann wundern sie
sich, warum das am Ende so steif wirkt. Als hätte jemand alles auswendig gelernt, aber nie wirklich verstanden, wie die Bewegungen miteinander sprechen. Mir ist das selbst passiert,
vor Jahren, als ich zum ersten Mal versuchte, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Ich dachte, Technik reicht. Aber dann steht man vor einer Gruppe und merkt, wie schnell
Unsicherheit wächst, wenn es nicht um bloße Wiederholung geht, sondern um echtes Verstehen. Viele stolpern an genau dieser Stelle: Sie fühlen sich blockiert, sobald sie ihre eigenen
Ideen umsetzen sollen, weil ihnen das Werkzeug fehlt, die eigenen Vorstellungen klar zu greifen und dann lebendig zu machen. Noch schlimmer wird’s, wenn sie plötzlich mit
individuellen Eigenheiten der Tänzer konfrontiert werden – da reicht kein Schema F. Und manchmal, das muss ich ehrlich sagen, ist der Kopf so voll von Regeln und Konventionen, dass
gar kein Platz mehr für Intuition bleibt. Aber wie oft war es gerade ein kleiner Regelbruch, der eine Choreografie besonders gemacht hat? Ich erinnere mich an einen Teilnehmer, der
fest davon überzeugt war, dass alles symmetrisch sein müsse. Bis er sich getraut hat, eine Asymmetrie einzubauen – plötzlich hatte das Stück eine Kraft, die vorher fehlte. Was bei
uns anders ist? Es geht nicht darum, noch mehr Schritte zu pauken, sondern darum, ein Gefühl für das „Warum“ hinter den Bewegungen zu bekommen. Man erkennt, was einen Ablauf
wirklich zusammenhält – und wo man gezielt brechen kann, ohne ins Chaos abzurutschen. Wer sich darauf einlässt, entdeckt nicht nur neue Ausdrucksmöglichkeiten, sondern entwickelt
eine Sicherheit, die auch in professionellen Kontexten geschätzt wird. Und manchmal, das gebe ich zu, taucht mitten im Prozess diese eine Frage auf: „Darf ich das überhaupt?“ Die
Antwort ergibt sich oft erst, wenn man es ausprobiert. Man verlässt diese Erfahrung mit einem echten Gespür für Zusammenhänge, nicht nur mit einer Sammlung an Schritten. Und das
bleibt.
Gleich zu Beginn fängt alles ziemlich temporeich an: Die Gruppe lernt die Grundschritte, dabei läuft im Hintergrund ein Song, der irgendwie nach Sommer schmeckt. Es wird nicht jedes
Detail zerpflückt—manchmal bleibt einfach eine Bewegung hängen, weil sie Spaß macht, nicht weil sie perfekt ausgeführt ist. Ich erinnere mich, wie jemand beim ersten Partnerwechsel
plötzlich in die falsche Richtung drehte und alle lachten. Nach ein paar Stunden merkt man, wie der Kurs plötzlich innehält. Die Lernenden üben das Zusammenspiel im Takt, fast
meditativ, immer wieder dieselbe Passage. Wer will, kann Fragen stellen, aber meistens beobachten die anderen, wie die Fortgeschritteneren ihre Schritte variieren. Einmal fiel ein
kleiner Zettel zu Boden, auf den jemand „Nicht aus der Reihe tanzen!“ gekritzelt hatte—ob das ein Scherz war? In Woche drei wird alles schneller, als hätte jemand am Plattenspieler
gedreht. Neue Figuren werden flüchtig gezeigt, dann sollen alle sofort nachmachen. Wer kurz nicht aufpasst, verpasst etwas—doch das scheint Teil des Plans zu sein. Die Lehrerin ruft
manchmal ein „Zurück zum Anfang!“ in den Raum, ohne genau zu erklären, warum. Manche Übungen laufen im Kreis, im wahrsten Sinne. Es gibt diese Übung, bei der alle abwechselnd in die
Mitte treten und improvisieren, während die anderen klatschen. Niemand weiß genau, wie man bewertet wird—das erzeugt eine seltsame Spannung. Aber irgendwie wächst daraus eine
Gruppendynamik, die man nicht einfach „erlernt“, sie entsteht einfach.